GEMEINSAM STARK gegen soziale Ausgrenzung

SOZIALE  ARBEIT

der evangelischen Kirchengemeinde

HEILIG KREUZ - PASSION

in Berlin - Kreuzberg

 
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Buchtipp

Die Spinne auf der Haut - Leben mit Obdachlosen

Bericht, Analyse, Deutung
Berlin 2001
Alektor-Verlag

 

(ISBN 3-88425-071-X) 111 Seiten kann für 10 Euro auch direkt über die Obdachlosenarbeit
der Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion bezogen werden- so lange Vorrat reicht (Tel. 030/691 26 71) von Joachim Ritzkowsky (1937-2003) ehemals Pfarrer der Ev. Kirchengemeinde
Heilig Kreuz-Passion in Berlin-Kreuzberg

 

Wen n Obdachlosigkeit nicht nur als Mangel betrachtet, sondern als Schrift gelesen wird: Wovon spricht diese seltsame Schrift, die Geist und Körper eint?

Viele Obdachlose in Berlin kennen die evangelische Kirche zum Heiligen Kreuz am Halleschen Tor. Während der kalten Jahreszeit, von Oktober bis April, wird diese Kirche jeden Mittwochnachmittag zur Wärmestube für bis zu 150 Obdachlose Männer und Frauen.

 

Sie kommen wegen der warmen Suppe und den heißen Getränken, der belegten Brote und der Sprechstunde des Arztes. Viele fanden den Weg hierher aber auch wegen Joachim Ritzkowsky (1937-2003), dem Gemeindepfarrer, der gemeinsam mit den Ehrenamtlichen die Besucherinnen und Besucher persönlich begrüßte.

 

"Achim", wie die Obdachlosen ihn nannten, schenkte nicht nur Suppe aus und verteilte Kleidung wie ein "Marktschreier". Er war auch Gesprächspartner, zu dem viele einen "guten Draht" hatten.

 

In dieser Essay-Sammlung erzählt Joachim Ritzkowsky von dem alltäglichen Leben mit den Obdachlosen und beschreibt Lebensformen und Verhaltensweisen in der "Szene". Sein besonderes Interesse gilt ihren Zeichen - wie den Tätowierungen, dem Schmuck oder außergewöhnlichen Kleidungsstücken, die er in Beziehung zu den Zeichen der bürgerlichen Gesellschaft setzt und vor dem Hintergrund christlicher und mythologischer Überlieferungen deutet.

 

"Die Spinne auf der Haut" berichtet auch über die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft "Leben mit Obdachlosen". Dieser Zusammenschluss von über 70 kirchlichen und sozialen Initiativen der Berliner Obdachlosenhilfe vernetzt Wärmestuben, Tagesaufenthalte, Notübernachtungen und Nachtcafés und tritt öffentlich für das Bleiberecht der Armen und Obdachlosen in der Berliner Innenstadt ein.

 

Die Spinne auf der Haut/Phänomenologie der Obdachlosenszene

Das Leben auf der Straße und in der Szene der Obdachlosigkeit wird gewöhnlich unter zwei Gesichtspunkten dargestellt. Es werden die Probleme der Menschen geschildert, die auf der Straße oder in Abrisshäusern, Wagenburgen oder Notunterkünften leben; und es werden anschließend Überlegungen angestellt, wie solchen Menschen zu helfen sei.

 

Forderungen an Staat und karitative Institutionen werden formuliert. Es wird Kritik am allgemeinen Pensionsunwesen und der damit verbundenen Verschleuderung von Steuermitteln erhoben, und es werden konkrete Vorschläge zur Abhilfe dringender Notstände gemacht.

 

Es gibt ferner außer der Beschreibung der Situation und den Überlegungen zur Abhilfe von Missständen noch einen dritten Gesichtspunkt, der seltener eine Rolle spielt: Es wird nach den Ursachen von Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit gefragt. Meistens geschieht dies unter dem Gesichtspunkt, dass Wohnen ein Menschenrecht sein muss und dass es möglicherweise besser gelingt, der Obdachlosigkeit Einhalt zu bieten, wenn man ihre Ursachen kennt. Solche Darstellungen der sozialen Situation und solche Berichte über die Obdachlosenszene werden meistens von Außenstehenden gegeben, seien es Sympathisanten oder Kritiker.

 

Es wird dabei versucht, das Phänomen „Obdachlosenszene" mit Begriffen der Tradition, der Universitäten und der bürgerlichen Lebensvorstellung zu analysieren und zu begreifen. Kaum jemandem fällt dabei auf, dass es bei diesem Vorgehen fast immer unterbleibt, die Ausdrucksformen der Szene selber zu beachten. Die Symbole, Zeichen, Äußerungen, Gepflogenheiten und Riten der Obdachlosen bleiben unbedacht.

 

Auch ich bin Außenstehender, Bürger, Beobachter, Sympathisant, Helfer, vom Elend auf der Straße Beeindruckter. Auch ich fühle mich zum Handeln gedrängt. Aber ich denke, es ist nötig, zugleich die »Schrift der Szene« zu lesen oder zu entziffern, die ja gerade in Richtung der Bürger vorgezeigt wird. Es ist nötig, die Äußerungen derer ernst zu nehmen, die aus dem normalen bürgerlichen Dasein ausgegrenzt wurden oder sich bewusst ausgegrenzt haben.

 

Ich möchte daher Phänomene beschreiben, die mir bei dem Versuch, mit Obdachlosen zu leben, aufgefallen sind. Es sind Phänomene wie Haartracht, Schmuck, Tätowierung, Kleidung, aber auch Verhaltensweisen wie die Einbeziehung von Tieren. Ich bemühe mich dabei um eine Beschreibung ohne den absichtsvollen Zweck der Veränderung oder Verbesserung. Es werden die Dinge und Zeichen der Szene ernst genommen, indem sie ruhig betrachtet werden – wie etwa geschlechtliche Beziehungen von Menschen und Tieren.

 

Nicht Entrüstung oder Kritik über das Erkannte, nicht Empörung oder Verbot soll die darauf folgende Reaktion sein, sondern ein Sich-Erinnern, ob es in meiner Tradition Ähnliches gegeben hat. Die Phänomene werden nicht moralisch qualifiziert oder abqualifiziert, sondern geschichtlich eingeordnet.

 

Nach dem Rückblick in die Geschichte zeigen sich die Phänomene regelmäßig in einem neuen Licht. Es kehrt sich das Verhältnis von Ansprechen und Hören um. Nicht ich, der Bürger mit meiner geordneten Lebensweise, habe den obdachlos Gewordenen etwas zu sagen, sondern ich fange an zu hören, was mir aus ihrem Bereich gesagt wird. Mag sein, dass sich daraus ein Gespräch ergibt. (…)

 

Tiere
Eins der auffälligsten Kennzeichen der Menschen auf der Straße ist ihr Umgang mit Tieren. Wo man hinblickt, tauchen Tiere auf. In der Szene gibt es insbesondere Beziehungen zu Hunden. Im Mythos ist der Hund das Tier der Unterwelt, der Kerberos, ein dreiköpfiges Ungeheuer mit dem Schwanz einer Schlange, grässlich anzusehen, die Unterwelt bewachend. Wer in der »unteren Welt« lebt, hat keinen Löwen als Wächter, sondern einen Höllenhund.

 

Es soll an dieser Stelle besonders betont werden, dass viele Obdachlose nicht nur Tiere bei sich haben und sich mit Tieren schmücken, sondern mit Tieren zusammenleben. Freilich sind auch an diesem Punkt die Grenzen zur Umwelt fließend.

 

Wie viele bürgerlich lebende Menschen haben sie seelischen und körperlichen Kontakt mit Tieren, reden mit ihnen und küssen sie! Für wie viele einsame Menschen sind Tiere der einzige tägliche Umgang! Die der abendländischen Kultur tief eingetrimmte Trennung von Tier und Mensch wird immer mehr aufgehoben. Tiere werden zu Partnern, zu Geschlechtspartnern, zu Lebensgefährten. (…)

 

Obdachlose gehen enge Beziehungen zu Tieren ein: Manchmal herrische, oft aber freundschaftliche oder sogar partnerschaftliche.

 

Dies ist der Grund, warum eine Reihe von ihnen staatliche Hilfsmaßnahmen ausschlägt. Ich kenne keine Pension, in die Obdachlose Hunde mitnehmen dürfen. Also geht, wer von seinem Hund nicht lassen will, in keine Pension. Wo soll der Obdachlose sein Tier lassen, wenn er ins Krankenhaus muss? Also verzichtet er unter Umständen auf die Einweisung in ein Krankenhaus, selbst wenn der Eiter an den Beinen schon in die Schuhe läuft. Ich habe mehrere solcher Menschen kennen gelernt und betreut.

 

Wenn ich es richtig verstehe, wird in der Szene zurzeit ein anderes Verhältnis von Mensch und Tier ausprobiert und eingeübt. Ich unterstelle nicht, dass es ein besseres ist, denn was heißt besser? Soll man es menschlicher, also »vermenschlichter« nennen? Soll man es als »tierisch« bezeichnen, weil wir Menschen Verhaltensweisen von Tieren wieder erlernen? Meine Konsequenz aus diesen Beobachtungen war eine Erlaubnis: Zur Wärmestube dürfen Mensch und Tier kommen.

 

Ich kaufe auch Tiernahrung ein. Vielleicht sollten wir Mittel für Tiernahrung und nicht nur für Menschennahrung bei der Senatsverwaltung beantragen. Denn die Obdachlosen verzichten oftmals selbst bei Schnee und Kälte eher auf einen Bettplatz als auf die Nähe zu ihrem Hund.

 

aus: Joachim Ritzkowsky „Die Spinne auf der Haut". Leben mit Obdachlosen. Alektor Verlag Berlin, 2001. ISBN 3-88425071-X S.51–67.